Bild: Maria, Leiterin eines Tagestreffs für Wohnungslose

#systemrelevant: Leiterin eines Tagestreffs für Wohnungslose

Maria ist Leiterin eines Tagestreffs für Wohnungslose und Bedürftige. Sie arbeitet also in einem sogenannten systemrelevanten Beruf. Im Interview hat sie mit uns darüber gesprochen, wie sich die Coronakrise auf Wohnungslose auswirkt und was sie sich von der Politik und Gesellschaft wünscht.

Name: Maria
Alter: 33
Beruf: Einrichtungsleitung im TagesTreff für Wohnungslose und Bedürftige beim Humanistischen Verband / Sozialarbeiterin
Arbeitsstunden pro Woche: 28

Bündnis 90/Die Grünen: Zur Bedeutung des Wortes „systemrelevant“: Was wäre, wenn es dich nicht gäbe?

Maria: Es ist weniger ein „Wenn es dich nicht gäbe“ als viel mehr ein „wenn es uns und unser Projekt nicht gäbe“. Im TagesTreff für wohnungslose und bedürftige Menschen bieten wir unseren Besuchern an 7 Tagen in der Woche drei Mahlzeiten am Tag, zahn- und allgemeinmedizinische Versorgung, die Möglichkeit sich zu duschen und die Wäsche zu waschen, die Einrichtung einer Postadresse, ohne die obdachlose Menschen keinerlei Sozialleistungen erhalten würden, und sozialpädagogische Unterstützung an. Wir bieten unseren Besuchern nicht nur eine unbürokratische Grundversorgung, sondern auch einen geschützten Raum, um einfach Mensch sein zu können. Wo sie so angenommen werden, wie sie sind. Viele von ihnen suchen uns auch auf, um überhaupt sozialen Kontakt zu haben.

B90/G: Was magst du an deinem Beruf?

Maria: Die Vielfältigkeit, die die Einrichtungsleitung dieses Projekts mit sich bringt. Im normalen Betrieb leite ich nicht nur das Haus, sondern kümmere mich außerdem noch um die Gremien- und Öffentlichkeitsarbeit, aber auch um die Finanzierung des Hauses – da wir nicht voll ausfinanziert sind, müssen auch Spenden akquiriert werden. Auch für die Entwicklung und Initiierung neuer Angebote, welche dann natürlich direkt unseren Besuchern zu Gute kommen, bin ich zuständig. Des Weiteren empfinde ich die Zusammenarbeit mit so vielen unterschiedlichen Berufsgruppen in unserem Projekt (Ärzte, Zahnärzte, Zahnarzthelferin, Krankenschwester, Köche/Küchenhilfen, Hausmeistern, Sozialassistentin, Ehrenamtliche etc.) als Herausforderung, aber auch als sehr bereichernd und spannend.

Und dann ist da natürlich noch die Arbeit mit den obdachlosen und bedürftigen Menschen an sich: Wenn wir einen Teil dazu beitragen können, dass es ihnen besser geht oder sich ihre Situation verbessert, indem wir ihnen z.B. dabei behilflich sind, wieder ALG-II-Leistungen zu beziehen und auch wieder einen Krankenversicherungsschutz zu erlangen.

B90/G: Machst du wegen der Corona-Krise aktuell Überstunden?

Maria: Nein. Dadurch, dass alle sonstigen außerhäuslichen Termine, wie Gremien, AGs, Fortbildungen Supervisionen etc., abgesagt sind und unsere Öffnungszeiten eingeschränkt werden mussten, komme ich mit meinen Stunden gut hin. Im Normalfall sieht das aber anders aus. Jedoch beschäftigt man sich in der aktuellen Situation auch noch nach der regulären Arbeitszeit sehr viel mit dem Thema oder mit Fragen, welche unsere Besucher beschäftigen, und versucht Lösungen zu finden.

B90/G: Was hat sich sonst noch seit Mitte März für dich bei der Arbeit verändert? Und wie erlebst du die Situation in den letzten zwei Wochen?

Maria: Aufgrund der aktuellen Situation mussten wir unsere Angebote entsprechend anpassen. Um den Abstand wahren zu können, können sich derzeit in unserem Speiseraum nur noch 20 Menschen gleichzeitig aufhalten – zuvor waren es 50 Personen. Die Gesamtsituation stellt uns MitarbeiterInnen sowie auch unsere Besucher vor große Herausforderungen. Wir haben aufgrund des geringeren Platzangebotes nur noch für obdachlose Menschen geöffnet, was verständlicherweise für viel Unmut bei unseren anderen Besuchern geführt hat. Des Weiteren mussten wir unsere Öffnungszeiten reduzieren, da einige MitarbeiterInnen zur Risikogruppe gehören.

Was wir besonders erschreckend finden, ist, dass die obdachlosen Menschen teilweise bei den bürokratischen Veränderungen einfach vergessen wurden. Es gibt in Berlin eine zentrale Anlaufstelle für Obdachlose, wo ein Ausweis beantragt werden kann – das LABO in der Friedrichstr. Das LABO wurde gänzlich geschlossen und es gibt keinerlei Möglichkeit der Vorsprache mehr. Hierzu haben wir Bezirksämter, die Polizei, das Bürgertelefon, die zentrale Beratungsstelle für obdachlose Menschen und auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG) zu Rate gezogen, keiner von ihnen hatte jedoch eine Idee, was diese Menschen nun machen sollen.

Nun ist es zwar viel einfacher geworden, ALG-II-Leistungen zu beantragen – auch ohne Ausweis, jedoch können obdachlose Menschen, die über kein Bankkonto verfügen und einen Scheck vom Jobcenter zur Einlösung erhalten, diesen gar nicht einlösen, wenn sie keinen gültigen Ausweis bei der Bank vorlegen können. Das heißt, dass sich das Leben für diese Personengruppe deutlich verschlechtert hat. Es gibt keine Touristen und kaum noch Passanten in der Stadt, die Pfandflaschen hinterlassen oder wo Geldspenden eingeholt werden können. Jetzt können sie auch nicht einmal mehr einen Ausweis für sich beantragen, um ihre Situation, auch finanziell, zu verbessern.

Zu Beginn der Corona Krise wussten wir nicht einmal, ob wir unsere Angebote überhaupt noch aufrechterhalten können und wir mussten uns mit den Fragen beschäftigen: Gelten wir als Dienstleister? Sind wir ein Restaurant? Dürfen wir nur noch Lunchpakete ausgeben? Haben wir genügend Schutzausrüstungen? Welche MitarbeiterInnen scheiden aus, weil sie zur Risikogruppe gehören? Erhalten wir weiter unsere Zuwendungen, wenn wir unsere Angebote einschränken oder ggf. sogar schließen müssen? Müssen MitarbeiterInnen entlassen werden? Zum Glück konnten all diese Fragen zum Positiven in der Zwischenzeit beantwortet werden, jedoch waren die vergangenen Wochen eine sehr nervenzehrende, aufregende Zeit, mit vielen ungewissen und ratlosen Zeiträumen. Hinzu kam auch die schulische Betreuung meiner Tochter. Wir hangeln uns trotzdem immer noch von Tag zu Tag und versuchen nach wie vor das Beste aus der Situation zu machen und unsere Besucher und uns bestmöglich zu schützen.

B90/G: Was wünschst du dir von Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft?

Maria:Das Engagement für obdachlose Menschen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Ich hoffe, dass diese Tendenz nun nicht rückläufig wird und nach wie vor an diese besondere Personengruppe gedacht wird. Ich wünsche mir von der Politik eine Regelung, wie obdachlose Menschen an einen Ausweis kommen und an ihr Geld bei Scheckeinreichung bei der Bank. Des Weiteren sollten noch mehr Schutzausrüstungen insbesondere für den medizinischen Bereich bereitgestellt werden.

Selbstverständlich stehen auch die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen an erster Stelle, jedoch mussten wir in den vergangenen zwei Wochen unser medizinisches Angebot quasi einstellen, da wir keine Schutzausrüstungen hatten. Seit gestern verfügen wir jedoch über eine kleine Stückzahl, so dass wir ab der nächsten Woche diesen wieder eingeschränkt anbieten können. Jedoch reicht die Schutzausrüstung lediglich für ein paar Wochen. Wir sind demnach darauf angewiesen, dass wir hierzu Nachschub erhalten. Die Bestellungen, die wir hierzu getätigt haben, sind mit ungewissen Lieferfristen ausgeschrieben, weshalb wir hoffen, bei einer möglichen Verteilung vom Land ebenfalls berücksichtigt zu werden, da es unablässig ist, dass obdachlose Menschen medizinisch versorgt werden. Zum Schluss möchte ich noch allen MitarbeiterInnen und Ehrenamtlichen des Tagestreffs für ihr großartiges Engagement auch in dieser ungewöhnlichen Krisenzeit danken. Auch an die Spender geht unser größter Dank, insbesondere im Namen unserer Besucher. Ohne sie alle wäre das Projekt nicht realisierbar.

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Kreisverband Lichtenberg von Bündnis 90/Die Grünen

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