Bild: Sabine, Hebamme

#systemrelevant: Hebamme

In unserer Reihe „#systemrelevant“ möchten wir euch sogenannte systemrelevante Berufe vorstellen. Heute stellen wir Sabine, eine Hebamme, vor.

Name: Sabine
Alter: 50
Beruf: Hebamme
Arbeitsstunden pro Woche: 40-50
Gehalt (ggf. übliches oder Durchschnitt von Kollegen): 2.100 netto (Klinikhebamme)

Bündnis 90/Die Grünen: Zur Bedeutung des Wortes „systemrelevant“: Was wäre, wenn es dich nicht gäbe?

Sabine: Ganz einfach, Frauen müssten ihre Kinder alleine bekommen oder würden lediglich von Ärzten oder Krankenschwestern betreut. Zwar ist Hebamme ein sehr spitzes Berufsfeld, dadurch aber nicht minder notwendig. Unsere Spezialisierung liegt auf präventivem Arbeiten gerade bezüglich Familienbindung, Stillen und Ernährung. Wir sind nach der Geburt für die Frauen da, auch damit Frauen wieder gut in das Leben und den Beruf zurückfinden. Wir gehen ins Haus, wiegen das Kind, sehen nach der Nabelheilung, der Ernährung, dass die Familie gut mit dem Kind zurechtkommt, aber beobachten auch die Rückbildung und dass die Frau keine Schwangerschaftsvergiftungen bekommt. Das machen wir so ca. bis das Kind 8-9 Monate alt ist und die Frau abstillt. Während die ärztliche Seite hauptsächlich den medizinischen Aspekt abdeckt, haben wir durch die Betreuung zuhause einen ganz anderen Einblick in das Leben der Frau.

B90/G: Was magst du an deinem Beruf?

Sabine: Ich mache den Beruf seit 30 Jahren, und es wird im Prinzip nie langweilig. Selbst mit so langer Berufserfahrung gibt es immer etwas Neues, das man dazu lernen kann und muss; neue Aspekte, Dinge verändern sich. Man lernt täglich neue Menschen kennen, mit denen man auch schnell eine intime Beziehung aufbaut, vom Paar aus Syrien bis zum Paar aus Prenzlauer Berg.

B90/G: Machst du wegen der Corona-Krise aktuell Überstunden?

Sabine: Eigentlich nicht. Ich arbeite im Kreissaal in verschiedenen Kliniken. Freiberufliche arbeiten weniger, weil sie sich mehr digitalisieren. Es wird beispielsweise häufiger mit den Frauen per Videokonferenz gearbeitet. 

Der Krankenstand in den Kliniken ist hoch wie immer, aber hier haben wir momentan auch weniger zu tun. Normalerweise klingelt es im Dienst mindestens 20-mal an der Tür. Das sind sonst hauptsächlich Frauen die Rückenschmerzen haben oder Frauen bei denen der Frauenarzt zu hat und sie Sonntagnachmittag mal ins Krankenhaus gehen, um es abzuklären. Das ist ein unglaublich guter Side Effekt, da nur noch Frauen kommen, bei denen es notwendig ist in den Kreissaal zu gehen und es dadurch ruhiger ist. Das heißt aber auch, dass wir uns besser auf die einzelnen Frauen konzentrieren können.  

Wahrscheinlich werden wir dann ab Dezember mehr zu tun haben 😉

B90/G: Was hat sich sonst noch seit Mitte März für dich bei der Arbeit verändert?

Sabine: Eigentlich sollte ich seit März in einem Flüchtlingslager im Südsudan sein, das verschiebt sich aber nach hinten. Ein übersehenes Problem momentan ist es, dass Hilfsorganisationen ihre Leute nicht mehr aus den Ländern rein und raus kriegen, genauso wie Medikamentenlieferungen.

Unklar ist auch was mit den Schwangeren ist, die vielleicht Corona haben. Wir wissen nicht ob es an die Babys übertragen wird oder nicht. Es gibt noch zu wenig Fälle als dass man es sinnvoll sagen kann.

Schwierig ist auch, dass es keine einheitlichen Regelungen für Kliniken gibt. Jede Einrichtung handhabt Corona völlig anders, z.B. wie Schutzkleidung angelegt werden muss, ob man sich testen lassen muss oder nicht, ob man mit Symptomen Arbeiten darf oder in Quarantäne muss.

Doch am schlimmsten finde ich, dass die Männer nicht mit zur Geburt dürfen. Jede Klinik handhabt auch das anders und es ist bis kurz vorher oft nicht klar. Ich appelliere hier stark an Menschlichkeit und Mitgefühl. Die Frauen sind völlig verzweifelt, weil sie ihren Partner nicht mitnehmen können. Wir haben zwar mehr Zeit sie zu betreuen, aber wir sind eben trotzdem nicht der Partner.

B90/G: Wie erlebst du die Situation in den letzten zwei Wochen?

Sabine: Wir müssen umdenken, das wird nicht der einzige Virus sein. Zum einen reisen die Leute mehr, zum anderen trägt auch die Globalisierung dazu bei, dass mehr Keime eingeschleppt werden. Und wir haben eine Menge gelernt.  Wir müssen uns auch klar machen, dass wir in einer extrem komfortablen Quarantänesituation leben, im Gegensatz zu anderen Ländern. Die meisten afrikanischen Länder haben kein Gesundheitssystem, und wenn Menschen dort ihre Jobs verlieren verhungern sie.

Das Tolle bei uns, jetzt digitalisiert sich die Hebammenwelt in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Auf einmal können wir in Deutschland unsere Leistungen per Chat auch abrechnen. Großartig auch aus Klimagründen und im Hinblick auf Ressourcen (auch ich spare Zeit zu einer Frau zu fahren und mit der Parkplatzsuche). Nehmen wir das Beispiel von vorhin, dass Frauen in Kreissäle kommen und uns als Ressource in Anspruch nehmen obwohl es nicht notwendig ist: Gibt man der Frau eine andere, digitale Art der Ansprache könnte man auch viele Ressourcen in den Kliniken sparen.

Wir merken, dass nicht jeder überall hinfliegen muss, sondern man auch einen Videocall machen kann. Vielen Menschen ist endlich eingefallen, dass wir schon digital sind. Hebamme sein ist zwar immer noch ein Beruf mit Anfassen, aber es gibt viele Situationen, in denen man auch seriös online beraten kann. Das merken jetzt auch renitente „Uralt“-Hebammen. Wir denken die Tage nicht mehr „darf man das“, sondern vielmehr „wie mache ich es am besten“. Die Frauen sind schon längst digital und wenn wir noch auf dem Pferd reiten dann passt das nicht. Die Hebamme ist ein sehr alter Berufsstand, der sich schon immer verändert hat. Vor 100 Jahren sind wir noch sehr viel zu Fuß gegangen, danach viel mit Kutsche und Pferd unterwegs gewesen, dann kamen die Autos; danach der Pieper und dann die Handys. Für uns ist es ein Riesengewinn, dass wir die Digitalisierung nutzen können. Ja, wir fragen uns häufig was der Vorteil für die Frau ist, aber wir müssen uns auch fragen was verdammt nochmal der Vorteil für die Hebammen ist.

Digitalisierung ist total wichtig. In vielen Ländern gibt es kein Krankenhausnetz wie hier. Wenn eine Frau aus Aserbaidschan 4 Stunden in die Klinik fahren muss, wäre es einfacher eine Hebamme anzurufen. Daher habe ich auch mein Startup „call-a-midwife“ gegründet.

B90/G: Was wünschst du dir von Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft?

Sabine: Die Herausforderung des Virus, der Panik und der Quarantäne ist eine riesige Chance für die Gesellschaft inne zu halten und beispielsweise Rollenmodelle in Familien neu zu überdenken, aber auch die Art wie wir Schulen digitalisieren und digital gut zusammenarbeiten, z.B. im Homeoffice. Ich finde es toll, wie Leute anfangen sich neue Geschäftsmodelle auszudenken. Am Ende wird etwas Neues herauskommen, das wir alle nicht vorhergesehen haben. Aus medizinischer Sicht ist es ein Gewinn, dass Leute sich die Hände waschen und nicht mehr in der Gegend herum niesen. Menschen bleiben zuhause, wenn sie sich schlecht fühlen.

Am Ende ist es aber ein grundsätzliches Problem im System. Ich will unter diesen schlechten Bedingungen nicht mehr arbeiten. Unsere Leute werden einfach nur verheizt. Über eine bessere Entlohnung würden sich vielleicht Dinge besser regulieren. Wir könnten zwar streiken, aber es sind nicht alle in einer Gewerkschaft und dann gibt es am Ende nur 3% mehr Lohn. 

Krankenhäuser sind GmbHs. Der Geschäftsbericht muss vorgelegt werden, da muss Geld verdient werden und was übrig bleibt geht nicht an die, die Putzen, Schwestern und Pfleger, sondern an die Gesellschafter. Mit kranken Menschen wird Geld verdient. Wenn ich als freiberufliche Hebamme arbeite, muss ich Frauen gewinnorientiert betreuen, genauso wie ein Krankenhaus. Das unser System kaputt ist, zeigt sich am besten am Krankenhausessen. Wer krank ist braucht gutes Essen, doch hier wird am meisten gespart.

Eine Zeitlang habe ich in England gearbeitet. Dort gibt es eine andere Anerkennung, Krankenschwestern sind einfach in der Gesellschaft bessergestellt. Als Hebamme hatte ich eine 12 Stunden Schicht, aber nur eine Frau gleichzeitig zu betreuen. Hier werden nicht Kosten gespart, um Gewinne zu erwirtschaften, sondern Kosten gespart, um diese ins System zurückzugeben. 

Ich möchte gerne wieder in den Südsudan. Meine Tochter hat ein Jahr in afrikanischen Ländern gearbeitet und damals bin ich neugierig mit einem jungen Arzt ins Krankenhaus gegangen. Hier geht es noch um was, hier kann man noch was bewirken. Zum Beispiel die Leute vor Ort besser ausbilden, damit Menschen nicht mehr sterben. Das ist etwas anderes als sich im Dienst mit einem Assistenzarzt für ein schlechtes Gehalt rumzuschlagen.

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Kreisverband Lichtenberg von Bündnis 90/Die Grünen

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