Bild: Svenja, Erzieherin

#systemrelevant: Erzieherin

Svenja ist Erzieherin in der Krippe einer Kita. Sie arbeitet also in einem sogenannten systemrelevanten Beruf. Im Interview hat sie mit uns darüber gesprochen, wie schwer die Arbeit sein kann, wenn Unklarheit herrscht und Entscheidungen nicht in Rücksprache mit Erzieher*innen und Eltern erfolgen.

Name: Svenja
Alter: 23
Beruf: staatlich anerkannte Erzieherin
Stunden pro Woche: 35h
Gehalt (ggf. übliches oder Durchschnitt von Kollegen): angelehnt an den Tarif T9

Bündnis 90/Die Grünen: Zur Bedeutung des Wortes „systemrelevant“: Was wäre, wenn es dich nicht gäbe?

Svenja: Wenn es mich nicht gäbe, könnten andere wichtige systemrelevante Berufe teilweise nicht ausgeführt werden, da einige Menschen auf ihre Kinder aufpassen müssten. Ist ein oder sind sogar beide Elternteile in der Medizin, Pflege, Polizei, Bundeswehr, öffentlichen Verkehrsmittel, im Einzelhandel und alle anderen gerade wichtigen Berufne tätig, passe ich auf das Kind auf und halte so diesen Eltern den Rücken frei.

B90/G: Was magst du an deinem Beruf?

Svenja: Mein Beruf dreht sich ums Kind. Und genau das ist für mich der schönste Beruf der Welt. Er ist vielfältig und ich begleite kleine Menschen als wichtige Bezugsperson in den ersten Lebensjahren. Jeden Tag passiert etwas Neues und jeden Tag erleben und wachsen wir zusammen mit den Kindern. Ich kann in diesem Beruf vielseitig und kreativ sein. Das schönste an diesem Beruf ist aber immer das Kinderlachen eines glücklichen Kindes.

B90/G: Machst du wegen der Corona-Krise aktuell Überstunden?

Svenja: Ja. In den letzten Wochen und auch jetzt fehlt Personal und es kommen immer mehr Kinder, die betreut werden müssen. Um diese Engpässe zu beheben, kommt es auch vor, dass ich Überstunden mache. Außerdem findet im Hintergrund noch vieles zusätzlich statt, wie zum Beispiel viele E-Mails lesen über neue Vorgaben des Senats, Presseschreiben des Dachverbands, neue Informationen über den nächsten Tag, Anzahl der Kinder, Veränderungen des Dienstplanes oder der Raumbelegung oder neue Hygienemaßnahmen, die zur Kenntnis genommen werden müssen.

B/90G: Was hat sich sonst noch seit Mitte März für dich bei der Arbeit verändert?

Svenja: Mein Arbeitsalltag ist ein Auf und Ab. Die ersten Wochen bestand meine Arbeit nicht nur aus Kinderbetreuung, sondern viel aus Aufgaben im Haus und gruppeninternen Aufgaben, die die letzten Monate zu kurz gekommen sind, wie zum Beispiel Portfolios und Sprachlerntagebücher zu bearbeiten. Außerdem kamen mehr Aufgaben hinzu, wie Kontakt zu den Kindern zu halten, die nicht in der Betreuung sind, mit Briefen, Anrufen und unserem eigenen Kita-Podcast. Nach dem Feierabend gibt es dann noch unzählige E-Mails oder auch ab und zu Anrufe, weil das nun unsere Kommunikationsmittel in unserem Haus geworden sind. Meine Arbeit ist momentan sehr chaotisch geworden und die Situation ist sehr beweglich und nicht immer einzuschätzen. Unsere Kita und Mitarbeiter bieten seit Wochen auf Wunsch des Senats auch freiwillig Betreuung am Wochenende und an Feiertagen an. Der Senat entscheidet viel und spontan und gefühlt ohne Beratung mit Kitas, denn vieles ist einfach nicht umsetzbar und unzumutbar für Kinder, Eltern und auch uns Erzieher. Nach den ersten Wochen, die ich als Ruhe vor dem Sturm bezeichnen würde, bin ich nun schnell an meine Belastungsgrenze gekommen.

B90/G: Wie erlebst du die Situation in den letzten zwei Wochen?

Svenja: Die Situation ist chaotisch. Gefühlt kann und kommt jeden Tag eine neue Entscheidung des Senats, die wir dann in zwei Tagen umsetzen müssen. Wie zum Beispiel, dass auf einen Schlag Vorschulkinder, deren Geschwister und zurückgestellte Kinder vom Schulbesuch in zwei Tagen wieder kommen. Aber es gibt dafür kein Konzept, an dem man sich orientieren kann und keine Berücksichtigung der Personalsituation und Raumauslastung. Es ist momentan mental, als auch körperlich für mich in den letzten zwei Wochen sehr anstrengend gewesen. Ich arbeite in der Krippe der Kita, also mit den Kindern von 0-3 Jahren. In den letzten Wochen sind sehr viele Kinder wieder in die Kita zurückgekommen, auf einen Schlag. Einige Kinder davon waren vor der Corona-Krise noch in der Eingewöhnung, bei Erziehern, die jetzt nicht in der Kita präsent sein können. Somit habe ich mehrere Eingewöhnungen gleichzeitig übernommen, wobei ich vorher keine feste Bezugsperson für die Kinder war. Weiterhin habe ich Kinder aufgefangen, die sich sehr schwer getan haben von heute auf morgen nach acht Wochen wieder in die Kita zu müssen. Man kann also kurz und knapp sagen, dass ich sieben Stunden am Tag mit mindestens zwei Kindern auf meinem Schoß auf dem Boden gesessen habe, während sie bitterlich geweint haben und ich versucht habe ihnen und den anderen Kindern um mich herum gerecht zu werden.

B90/G: Was wünschst du dir von Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft?

Svenja: Ich wünsche mir, dass wir und Eltern mit in neue Entscheidungen einbezogen werden. Ich wünsche mir, dass wir mehr gesehen werden und vor allem das Wohl des Kindes mehr beachtet wird. Nach so einer langen Zeit, in der die Kinder nicht in der Kita waren, brauchen sie ein sanftes und langsames Ankommen, wie eine kleine Eingewöhnung. Und sie brauchen eine konstante und gute Betreuung. Es muss auch mehr Zeit für das Umsetzen der neuen Lockerungen für Kitas und Personal geben.
Ich wünsche mir schon lange von der Gesellschaft und Politik, dass unser Beruf mehr Anerkennung und bessere Bedingungen auch im „normalen“ Alltag erfährt. Wir arbeiten seit Jahren ständig unter Personalmangel und auch in Corona-Zeiten gehen wir nochmal an anderen Stellen umso mehr an unsere Grenzen.

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Kreisverband Lichtenberg von Bündnis 90/Die Grünen

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