Die Europaabgeordnete Hannah Neumann steht in der Eingangstür eines Nachtzuges.

Im Schlaf von Lichtenberg nach Brüssel

Dieser Text ist in unserer Bezirkszeitung, dem Lichtenberger Stachel, erschienen. Die gesamte Ausgabe mit allen Artikeln findest du hier.

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Wer schon einmal am Bahnhof Lichtenberg auf eine S-Bahn gewartet hat, hat sicher am anderen Ende der Gleise einen besonderen Zug bemerkt, rot-weiß lackiert und mit einer eleganten Schnauze. Dieser Zug war einst ein Vorzeigemodell der Deutschen Reichsbahn der DDR – er erinnert uns an Zeiten, in denen Reisen auf der Schiene durchaus in Mode war und schneller als alles andere. Gleichzeitig waren solche Reisen aber oft den wenigen vorbehalten, die eine Erlaubnis für Auslandsaufenthalte hatten.

Grenzen sind für uns in Europa – dem Schengenraum sei Dank – inzwischen keine Hindernisse mehr und auch regelmäßige Reisen können sich immer mehr Menschen leisten. Doch leider haben auf internationalen Strecken Flugzeuge den Eisenbahnverkehr längst ausgebootet. Das ist aus Verbraucher*innensicht verständlich, denn dank unfairer Steuerentlastung auf Kosten des Schienenverkehrs ist das Fliegen oft die billigste Variante. Für die Umwelt aber ist es ein echtes Problem.

Immer mehr Reisende möchten auf das klimaschädliche Fliegen verzichten und würden, wenn es denn Alternativen gäbe, gerne wieder bequem nachts auf der Schiene reisen – das zeigt nicht zuletzt der Erfolg der Österreichischen Bundesbahnen in der Nachtzugsparte. Geschäftsreisende wiederum, die konstant mehr als zwei Drittel des Flugverkehrs ausmachen, müssten sich nicht mehr zwischen Klimaschaden und weniger Zeit mit der Familie entscheiden.

Auch ich habe diese Entscheidung öfters als mir lieb ist treffen müssen. Dabei könnte es so einfach sein: sich abends von der Familie verabschieden, mit der S-Bahn von Lichtenberg zum Hauptbahnhof fahren und morgens gut ausgeruht in Brüssel aufwachen. Deshalb habe ich mich im letzten Herbst zusammen mit anderen Europaabgeordneten an die Bundesregierung gewandt und eine klimaneutrale deutsche EU-Ratspräsidentschaft gefordert: durch die Wiedereinführung des Nachtzugs Berlin-Brüssel.

Wenn diesen Sommer Deutschland den EU-Ratsvorsitz übernimmt, werden viele Menschen zwischen Berlin und Brüssel hin- und herpendeln. Ein Nachtzug von Hauptstadt zu Hauptstadt wäre ein gebührender Wiedereinstieg der Deutschen Bahn in den Nachtzugverkehr. Eingefärbt im Blau und Gelb der Europafahne wäre er ein Zeichen dafür, dass wir es ernst damit meinen, auch unseren eigenen CO2-Abdruck zu reduzieren.

Die Autorin Hannah Neumann ist Europaabgeordnete und ehemalige Kreisvorsitzende der Lichtenberger Bündnisgrünen.

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Kreisverband Lichtenberg von Bündnis 90/Die Grünen

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