Stolpersteine

Gemeinsam mit Dagmar Poetzsch von Lichtblicke e.V. haben wir die Biografien zweier Familien aus der Eitelstr. 27 recherchiert und anschließend für diese Stolpersteine verlegt.

Sie erinnern an Isidor Kiwi, geboren 1897, deportiert am 1.3.1943 nach Auschwitz und dort ermordet, und
Johanna Kiwi, geboren 1893, deportiert am 6.3.1943 nach Auschwitz und dort ermordet.
Beide wohnten bei Leopold Drucker, geboren 1889, dessen Sohn Gerhard Drucker, geboren 1921 und Pflegesohn Gerhard Litzmerski, geboren 1933, die alle am 10.9.1943 nach Theresienstadt, von dort nach Auschwitz deportiert wurden. Nur Gerhard Drucker überlebte und wurde befreit.

Die Verlegung der Stolpersteine im Weitlingkiez soll ein Zeichen setzen, dass wir an die Schicksale ehemaliger Nachbar*innen erinnern und aktive Gedenk- und Erinnerungskultur pflegen.

 

 

 

Biographie KIWI

Isidor Kiwi wurde am 21.12.1897 in Schwersenz (Swarzędz) geboren. Seine Frau Johanna Kiwi, geborene Wolfenstein, erblickte am 02.03.1893 das Licht der Welt. Gemeinsam hatten sie zwei Töchter, Gertrud und Elfriede-Paula. Um das Jahr 1922 kaufte Isidor Kiwi mit seiner Mutter ein Grundstück in Fürstenwalde/Spree. Es lag in der Wriezener Str. 12, direkt am Bahnhof. Als Tischler konnte er das vom Ersten Weltkrieg leicht beschädigte bestehende Gebäude instandsetzen und das Vorderhaus neu aufbauen.

Nach den Pogromen in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 kam Isidor Kiwi vorübergehend in, wie es die Nationalsozialisten euphemistisch nannten, „Schutzhaft“, ins KZ Sachsenhausen. Nazis wüteten in deutschen Städten, zerstörten jüdische Einrichtungen, Geschäfte, Wohnungen, Synagogen, Friedhöfe; verletzten und töteten Jüdinnen und Juden. Wie Isidor Kiwi erging es auch 12.000 anderen Berliner Juden.

Kurz nach den Pogromen, am 15.11.1938 wurde jüdischen Kindern der Besuch öffentlicher Schulen verboten. Angesichts von erlebter Ausgrenzung, Diskriminierung und gewaltsamer Verfolgung, müssen die Töchter der Familie Kiwi, Elfriede-Paula und Gertrud, vermutlich im Dezember 1938 nach England ausgereist sein. Drei Wochen nach den Pogromen entschied sich die britische Regierung Kinder bis 17 Jahre unter bestimmten Bedingungen aufzunehmen. Laut Aussagen des Bürgermeisters von Fürstenwalde aus dem Jahr 1947, wurden Elfriede-Paula und Gertrud Kiwi bereits vor dem 02.01.1939 von ihren Eltern nach England geschickt. Johanna und Isidor Kiwi wollten folgen, so der Bürgermeister von Fürstenwalde.

Der 02.01.1939 war der Tag, an dem Isidor und Johanna Kiwi ihr Grundstück in Fürstenwalde an den Kaufmann Hermann Kögel verkauften – verkaufen mussten. Am 12.11.1938 wurde die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben“ erlassen. Demnach war es Juden ab dem 01.01.1939 u.a. untersagt selbstständig einen Handwerksbetrieb zu führen. Da die Familie Drucker 1930 neue Möbel beim Tischler Kiwi anfertigen ließ, können wir davon ausgehen, dass Isidor Kiwi einen eigenen Handwerksbetrieb hatte. Dazu kam die „Verordnung zum Einsatz über das jüdische Vermögen“ vom 03.12.1938. Innerhalb einer Frist von sechs Wochen mussten Juden ihre Gewerbebetriebe und ihren Immobilienbesitz verkaufen.

Der erzwungene Verkauf von Betrieb und Heim, veranlasste Johanna und Isidor Kiwi nach Berlin zu gehen. Im März 1939 zogen sie als Untermieter zur Familie Drucker in die Eitelstr. 27. Wenige Wochen später, am 30.04.1939, trat das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ in Kraft. Nach diesem Gesetz konnten jüdische Mieter angewiesen werden, andere Juden als Untermieter aufzunehmen. Möglicherweise wussten die Familien Drucker und Kiwi, was auf sie zukommt, und sind dem Gesetz zuvor gekommen. In Berlin arbeitete Isidor Kiwi weiter als Tischler, bei der Firma Dickow in der Mühlenstr. 78 in Pankow.

Wenn, wie der Bürgermeister von Fürstenwalde in seinem Schreiben behauptet, Johanna und Isidor Kiwi, ihren Kindern nach England folgen wollten, so war ihnen das ab dem 23.10.1941 nicht mehr möglich. Ab da an galt ein Auswanderungsverbot, das Fenster zur Flucht wurde geschlossen, Ausreisen nicht mehr möglich.

Im November 1942 musste die Familie Kiwi eine Vermögenserklärung abgeben. Am 01.02.1943 wurde die Verfügung über den Einzug des gesamten Vermögens durch die Geheime Staatspolizei ausgestellt. Zugestellt wurde die Verfügung am 27.02.1943 und zwar in die Große Hamburger Str. 26, wo sich Isidor Kiwi bereits befand. In der Großen Hamburger Str. waren ein jüdisches Altersheim und eine Knabenschule. Ab Juni 1942 wurde es von der GeStaPo als Gefängnis für zur Deportation bestimmter Juden zweckentfremdet. Von hier aus wurden 55.000 Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager im Osten deportiert.

Dieser Weg wurde auch Isidor und Johanna Kiwi aufgezwungen. Am 01.03.1943 wurde Isidor Kiwi mit dem 31. Osttransport und Johanna Kiwi am 06.03.1943 mit dem 35. Osttransport nach Auschwitz deportiert. Beide überlebten nicht und wurden dort ermordet.