27.06.2013 Naturkreisläufe sichern – das Bienensterben stoppen – auch in Berlin-Lichtenberg

Drucksache DS/0794/VII

Die Bezirksverordnetenversammlung wolle beschließen:

Das Bezirksamt wird ersucht Bienenhaltung und -zucht in Lichtenberg durch folgende Maßnahmen zu befördern:

1. Die Lebensräume und das Futterangebot für Bienen (Honigbienen, Wildbienen, Hummeln) dadurch zu verbessern, dass
a. bei Ersatz- und Neubepflanzungen Bienenweidepflanzen (Pollen und Nektar) der Vorzug gegeben wird (z. B. Weidenarten, Robinie, Ahorn, Linde, Schnurbaum bei Bäumen, Schneebeeren, Liguster, Hundsrosen bei Sträuchern, Weißklee, Löwenzahn, Natternkopf bei Wildkräutern).
b. in Kooperation mit anderen Bezirken Umwelt- und Naturschutzverbänden, Imker_innen, Kleingartenvereinen, Bürger_innen und Landschaftsplaner_innen insektenfreundlichen Bepflanzungen bei kommunalen Flächen (Grünflächen, Parks, Straßenrandbereiche, Brachflächen, landwirtschaftliche Betriebe,) der Vorzug gegeben wird und
c. Flächen auszuweisen, wo Imker_innen ihre Bienenvölker pflegen können (z. B. auf öffentlichen Gebäuden).

2. Zu entwickelnde landeseinheitliche Maßnahmen gegen das Bienensterben zu unterstützen.

3. Die Bürgerinnen und Bürger Lichtenbergs
a. für die Bedeutung von Bienen für Pflanzen, Nahrungsproduktion und den Erhalt der Biodiversität sowie deren Gefährdung zu sensibilisieren,
b. über Bienenhaltung und Stadtimkerei zu informieren und
c. dafür zu gewinnen, in Gärten, Beeten und auf Balkons artenreiche Blühflächen anzulegen.

Begründung:
Bienen haben eine sehr große ökologische Bedeutung, da sie in erheblichem Maße zum Erhalt von Wild- und Kulturpflanzen sowie deren Erträgen beitragen. Sie zählen weltweit zu den wichtigsten Bestäubern. Die Bestäubung unserer Kulturpflanzen erfolgt zu 80 % durch Honigbienen und hat damit einen sehr hohen Anteil an der Sicherung der Nahrungsgrundlage. Die Bundesregierung schätzt den volkswirtschaftlichen Nutzen der Honigbiene alleine in Deutschland auf über 2 Milliarden Euro. Da mit den Kulturpflanzen die Nahrungsgrundlage für viele Lebewesen gesichert wird, tragen sie zugleich auch zum Erhalt der Artenvielfalt bei.

Dieses Naturwunder ist in höchster Gefahr: Nach einem Bericht von UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) ist in den vergangenen Jahren die Bienenpopulation in Europa und den USA um bis zu 30 % zurückgegangen, in manchen Weltregionen sogar um bis zu 85 %. Aufgrund von Kälte, Futtermangel und anderen Faktoren gehen während des Winters normalerweise nur rund ein Zehntel der Bienen zugrunde. Im Winter 2011/2012 stieg dieser Satz in Deutschland jedoch bedrohlich auf rund 25 % der Bienenvölker an.

Die Gründe für dieses Bienensterben sind vor allem zerstörte Lebensräume und Naturkreisläufe, Monokulturen in der industriellen Landwirtschaft, bei der in einem hohen Maße Pestizide eingesetzt werden, und in der Biomasseproduktion sowie der Klimawandel. Und, was zu wenig thematisiert wird, auch die zu geringe Anerkennung der Bienenhaltung durch die offizielle Politik.

So wird der heimische Bedarf an Bienenhonig derzeit nur zu 20 %, das sind etwa 25.000 Tonnen Honig pro Jahr, von den über 95.000 Imker_innen, die ca. 700.000 Bienenvölker halten, abgedeckt, der weitaus überwiegende Anteil muss also importiert werden. Eine sehr unausgeglichene Bilanz.

Für Sachkundige nicht erstaunlich ist die Tatsache, dass sich Bienenhaltung und -zucht in den letzten Jahren in der Stadt einer immer größeren Beliebtheit erfreut. So gibt es in Berlin 745 Imker_innen (Stand: Ende 2012), die über den Deutschen Imkerbund organisiert sind. Hinzu kommt der Imkerverein Steglitz mit 130 Mitgliedern sowie immer mehr nicht organisierte und oft leider auch nicht registrierte Imker_innen. Insgesamt dürfte es in Berlin an die 1.000 Imker_innen geben.

Diese Zahl steigt. Insbesondere junge Menschen entdecken die alte Tradition „Imkern“. Es gibt in Berlin Bienenvölker auf dem Berliner Dom, auf dem Abgeordnetenhaus, auf dem Haus der Kulturen der Welt und auf vielen anderen öffentlichen Gebäuden. Und auch in Lichtenberg in der Naturschutzstation Malchow, im Interkultureller Garten und in der Kita „Buntstift“.

Gleichzeitig ist in Berlin in den vergangenen Jahren eine von den klassischen Imkervereinen unabhängige Imker_innenszene entstanden. Diese betreibt eine experimentelle und unabhängige Art der Bienenhaltung, z. B. in Bienenkisten. Diese Bienenhalter_innen gilt es für die Nachzucht der hier ansässigen besonders friedlichen Bienenrasse Carnica zu sensibilisieren, damit die Akzeptanz der Stadtbienenhaltung erhalten bleibt. Außerdem sind diese neuen Imker_innen für Maßnahmen der guten fachlichen Praxis und damit auch der Faulbrutprophylaxe sowie der Bekämpfung der Varroamilbe zu sensibilisieren. Denn die Leidtragenden sind bei Nachlässigkeiten nicht nur die betroffenen Imker_innen selbst, sondern alle anderen Imkereien in deren Flugradius, der bis zu 6 km betragen kann.

So kommt es in Berlin fast jedes Jahr zu einem oder mehreren Ausbrüchen der Amerikanischen Faulbrut. Diese haben erhebliche Wirkungen auf die direkt und indirekt betroffenen Imker_innen. So müssen die an Faulbrut erkrankten Völker abgetötet oder aufwändig saniert werden. Die gesamte Imkerei muss mit Feuer bzw. siedender Natronlauge gereinigt werden, was nicht ungefährlich ist. Um die Imkerei wird ein Sperrbezirk von 3 Kilometern gezogen, in dem Bienenvölker nicht bewegt werden dürfen. Die betroffenen Imker_innen können nicht wandern und keine Völker verkaufen. Das ist äußerst frustrierend und macht die Imkerei unrentabel.

Bienen spielen bei den umfangreichen Aufgabengebieten der Lebensmittel- und Veterinärämter nur eine kleine Rolle. Für die Sicherung der Bienengesundheit ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Veterinär_innen und Imker_innen notwendig.

Stand der Umsetzung: http://www.berlin.de/ba-lichtenberg/politik-und-verwaltung/bezirksverordnetenversammlung/online/vo020.asp?VOLFDNR=5456

Ein Beitrag der BVV-Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen Berlin Lichtenberg

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