23.08.2012 Aufarbeitung der DDR-Jugendhilfe in Lichtenberg

Die Bezirksverordnetenversammlung wolle beschließen:

Bezirksamt wird ersucht sich mit der Rolle und Arbeitsweise des Jugendamtes Lichtenberg und des Jugendamtes Hohenschönhausen sowie der damals staatlichen Heime in den beiden Bezirken in der DDR bis in das Jahr 1989 kritisch auseinanderzusetzen, da davon auszugehen ist, dass es in dieser Zeit Kinder und Jugendliche gab, denen im System der Jugendhilfe Unrecht und Leid zugefügt wurde. Ziel soll es sein:

  • aus der Geschichte des Jugendamtes in DDR heraus die aktuelle Rolle des bezirklichen Jugendamts in unserer Demokratie zu reflektieren,
  • eine angemessene Sensibilität bei den Fachkräften sowie in der Öffentlichkeit für die Menschen, die in der DDR-Heimerziehung waren und heute erwachsen sind, herzustellen,
  • einen Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte, bezogen auf die Jugendhilfe in unserem Bezirk, zu leisten.

Hierzu soll das Bezirksamt bis zum Januar 2013 eine Konzeption vorlegen, in welcher auch die Diskussion in der Öffentlichkeit berücksichtigt ist.

Es wird angeregt bei der Auseinandersetzung auch die historischen Aufarbeitungsstätten (z. B. Gedenkstätte Hohenschönhausen) sowie die Freien Träger einzubeziehen, die an den Standorten der ehemaligen Heime in der DDR (z. B. Neubrandenburger Straße, Erich-Kurz-Straße) heute Jugendhilfestandorte betreiben.

 

Begründung:

Seit einigen Jahren gibt es eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Jugendhilfe in der BRD, insbesondere der Jugendhilfe in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Diskussion erlebte starken Aufschwung durch die Veröffentlichung des Buches von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“ (Spiegel-Verlag, München 2007).

Am „Runden Tisch Heimerziehung“ wurde schließlich im letzten Jahr vereinbart einen Entschädigungsfond (zunächst 120 Millionen Euro) sowie Anlauf- und Beratungsstellen für ehemalige Heimkinder in der BRD, denen gravierendes Unrecht und schweres Leid widerfuhr, einzurichten.

In diesem Zusammenhang kam in einem zweiten Schritt auch die Jugendhilfe in der DDR in den Blick. Es wurden zunächst drei Expertisen zur DDR-Jugendhilfe beauftragt, deren Ergebnis seit März diesen Jahres veröffentlicht ist und diskutiert wird. Der Bericht ist beigefügt (Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) „Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR“, Berlin 2012). Hier wird deutlich, dass die Jugendhilfesysteme, welche auch Unrecht an Kindern und Jugendlichen möglich machten, in der DDR und BRD unterschiedlich waren, im Ergebnis jedoch auch in der DDR-Jugendhilfe Kindern und Jugendlichen auch gravierendes Unrecht und schweres Leid zugefügt wurde. Und während in der Jugendhilfe der BRD seit den siebziger Jahren Jugendhilfe schrittweise demokratisiert wurde, blieb dieser Prozess in der DDR aus. Die heute erwachsenen Betroffenen haben sehr ähnliche Probleme wie die in der BRD Betroffenen und es werden im Bericht sehr ähnliche Maßnahmen empfohlen (u. a. Anerkennung des Unrechts, materielle und immaterielle Entschädigung, Errichtung von Anlauf- und Beratungsstellen für die Betroffenen).

Was der Bericht nicht leistet (weil dies auch nicht der Auftrag der Expertisen war) sind Empfehlungen zur Aufarbeitung der Rolle der Jugendämter und der Heime in der DDR. In unserem Bezirk erfolgte bisher keine systematische kritische Aufarbeitung. Dabei dürfte davon auszugehen sein, dass Lichtenberg und Hohenschönhausen durch ihre herausgehobene Rolle in der DDR (Sitz des MfS und Standort des MfS-Gefängnisses) auch bezüglich der Jugendhilfe eine besondere Rolle innerhalb der DDR und Berlins hatten. Dies ist bereits daran erkennbar, dass drei der fünf Jugendhilfeeinrichtungen, welche durch das MfS als zentrale Einrichtungen für die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen aus Berlin und der DDR genannt sind, in Lichtenberg und Hohenschönhausen liegen. Insofern ist Lichtenberg heute in der Rolle im Anschluss an die oben erwähnte Veröffentlichung der AGJ zur Jugendhilfe in der DDR in die Auseinandersetzung zu gehen.

Stand der Umsetzung: http://www.berlin.de/ba-lichtenberg/politik-und-verwaltung/bezirksverordnetenversammlung/online/vo020.asp?VOLFDNR=5050

Ein Beitrag der BVV-Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen Berlin Lichtenberg

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