15.10.2015: Unterstützung für die Kreativen

Das Gebiet um die 2,3 Kilometer lange Herzbergstraße war mehr als 100 Jahre lang bis in die DDR-Zeit hinein ein wichtiges Areal der Berliner Industrie – die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den VEB Asol Chemie, das Margarinewerk Berolina, den VEB Berliner Metallguß und Modellbau und natürlich den VEB Elektrokohle, um nur einige Namen zu nennen. Mittlerweile sind neue Nutzer in die Fabriken gezogen, manche Gebäude sind verfallen, andere wurden abgerissen, Flächen neu bebaut. Großbetriebe gibt es inzwischen kaum noch, sieht man einmal vom Dong Xuan Center ab, der Lichtenberger Asia Town. Doch diese ist eher eine Ansammlung von Im- und Export-Firmen zuzüglich Gastronomie verschiedener Art. Im Gewerbegebiet Herzbergstraße dominieren kleine und mittlere Unternehmen. Zunehmend siedelt sich aber auch die Kreativwirtschaft dort an.

Grüne stellen heute Antrag in BVV
Mit der „HB55 Räume der Kunst“ und der „Haubrock-Kunstsammlung“ in der ehemaligen Fahrbereitschaft des Ministerrates der DDR (Herzbergstraße 40-43) gibt es bereits Einrichtungen, die weit über Lichtenberg hinaus von Bedeutung sind. Allerdings: Rechtlich sind die Künstler und andere Kreative am Standort nur geduldet. Das Gewerbegebiet Herzbergstraße unterliegt dem sogenannten Stadtentwicklungsplan (Step) Industrie und Gewerbe. Danach ist das Areal planungsrechtlich nach wie vor Unternehmen aus dem produzierenden Bereich vorbehalten. Die Lichtenberger Bündnisgrünen wollen, dass künftig dort auch nicht-produzierende Gewerbe erlaubt werden. Für die Sitzung des Bezirksparlaments am heutigen Donnerstag, 15. Oktober, haben sie deshalb einen Antrag eingebracht, wonach rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden sollen, dass auch Künstler und Kreativwirtschaft rund um die Herzbergstraße produzieren können. „Dadurch wird nicht nur der hohe Leerstand in den dortigen Gebäuden verringert, sondern es entsteht eine spannende Mischung aus Industrie, Gewerbe, Kreativwirtschaft und Künstler_innen unterschiedlicher Art, die sich durch ihre unterschiedlichen Tätigkeiten gegenseitig befruchten und ergänzen“, heißt es im Antrag. Durch die starken Verdrängungstendenzen in anderen Berliner Stadtteilen ziehe es immer mehr Künstlerinnen und Künstler in das Gebiet Herzbergstraße. Es sollten daher „die verfügbaren Möglichkeiten ergriffen werden, um diese Szene zu stärken und langfristig am Standort zu erhalten“.

Nutzungskonzept für früheres Konsum-Areal
Bereits in den Stadtplanungsausschuss verwiesen worden war im September ein ähnlicher Antrag der CDU-Fraktion. Darin geht es um ein Nutzungskonzept für die denkmalgeschützte Konsumbäckerei in der Josef-Orlopp-Straße, das sowohl den wirtschaftlichen Interessen der Eigentümer als auch dem Interesse der Erhaltung des Baudenkmals Rechnung tragen soll. Vorgeschlagen wurde von den Christdemokraten, das Gebiet, wenigstens teilweise, als sogenanntes Mischgebiet auszuweisen. Damit wäre nicht nur eine gewerbliche Nutzung, sondern gleichzeitig Wohnen möglich. Unter dem Motto „Wohnen und Arbeiten an einem Ort“ will seit mehreren Jahren die Projektgesellschaft Josef-Orlopp-Straße GmbH die rund 40.000 Quadratmeter große Fläche zu einem Platz für die Kreativwirtschaft entwickeln. Selbst der Landesdenkmalrat empfahl im April vergangenen Jahres, für die Sanierung und Entwicklung des Geländes eine Wohnnutzung mit in die Überlegungen einzubeziehen.

Getan hat sich allerdings auf dem denkmalgeschützten Areal noch nichts, wie LiMa+ berichtete. Im Gegenteil. Nach einer Studie zum Gewerbegebiet Herzbergstraße, die der Bezirk im vergangenen Jahr in Auftrag gegeben hatte, scheint bisher der Stillstand zementiert. Diese geht davon aus, dass das Areal rund um die Herzbergstraße, zu dem auch die früheren Konsumgebäude und -flächen zählen, weiterhin dem produzierenden Gewerbe vorbehalten bleiben soll. Damit wäre eine kombinierte Wohn- und Gewerbenutzung passé – obwohl nur wenige Meter entfernt bereits seit den 1920er-Jahren Wohnhäuser stehen und auch Einfamilienhäuser auf angrenzenden Flächen errichtet wurden.

Am Planungsziel wird festgehalten
Die drei Investoren aus Berlin und dem Bundesgebiet für das Konsumareal  haben jetzt reagiert – sie wollen nicht mehr länger warten und haben die Josef-Orlopp-Straßen GmbH samt Immobilie veräußert. Das bestätigte Projektentwicklerin Stefanie Bung. Genaueres wollte sie allerdings nicht dazu sagen, nur: „Es hat ein Gesellschafterwechsel stattgefunden.“ Laut Bung solle weiterhin am Planungsziel Wohnen und Arbeiten für Kreative festgehalten werden. Seit den 1990er-Jahren hatten sich mehrere Investoren an dem Konsum-Areal versucht, alle waren gescheitert. Denn eine bloße Ansiedlung von Handwerks und Kleinunternehmen, wie bisher von Bezirksamt und  Wirtschaftsverwaltung vorgesehen, ist für Investoren nicht lukrativ, zieht man die hohen Sanierungskosten für die denkmalgeschützen, aber brachfälligen Gebäude in Betracht.

Neue Entwicklungen denken – und wagen
Für Laien ist das bislang strikte Beharren der Lichtenberger Behörden auf einem reinen Status für die Herzbergstraße als Gebiet des produzierenden Gewerbes wenig nachvollziehbar. In der wachsenden Stadt Berlin liegt diese nämlich inzwischen ziemlich zentral. Nachdem Wohn- und andere neue Nutzungen recht nahe an das Areal herangerückt sind, scheint es kaum vorstellbar, dass sich dort weitere Industriebetriebe in Größenordnungen ansiedeln. Neue Entwicklungen zu denken – und auch zu wagen, in der Herzbergstraße selbst als auch am Rand des Gebiets wie auf dem Konsum-Areal – könnte daher zukunftsträchtiger sein.

Quelle: http://www.lichtenbergmarzahnplus.de/unterstuetzung-fuer-die-kreativen/

LichtenbergMarzahnplus.de, 15.10.2015, Autorin: Linna Schererz

Ein Beitrag der BVV-Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen Berlin Lichtenberg

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